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20 Jahre – so ein Theater

Das Werdenberger Kleintheater fabriggli

Peter Eggenberger, Buchs
Publiziert im Werdenberger Jahrbuch 2001

«Im kulturellen Leben des Bezirks Werdenberg stellte der 9. Februar 1990 ein besonderes Datum dar: An diesem Freitag feierte das werdenberger kleintheater fabriggli seinen 10. Geburtstag. Aus dem kleinen Theater, das von einigen Idealisten mit viel Engagement und Experimentierfreudigkeit gegründet worden ist, ist im Laufe des ersten Jahrzehnts seines Bestehens eine der bedeutendsten kulturellen Institutionen der Gemeinde Buchs und des Bezirks geworden, mit einem Programm, das breitgefächerter wohl kaum sein könnte», schrieb Heini Schwendener im Werdenberger Jahrbuch 1991 unter dem Titel «Vom Experiment zur kulturellen Institution – 10 Jahre werdenberger kleintheater fabriggli».

Sinngemäss können diese Ausführungen auch auf den 9. Februar 2000 übertragen werden. Das fabriggli hat sein zweites Jahrzehnt nicht einfach überlebt, nein, vielmehr in vollen Zügen gelebt, mit Höhen und Tiefen, und ein Ende ist nicht abzusehen. Einem engagierten Team ist es gelungen, die Stellung und Bedeutung des Kleintheaters im Bezirk und darüber hinaus zu festigen und auszubauen. Dazu genügte nicht allein ein grosser Einsatz für das, was das Publikum unmittelbar wahrnimmt, das Programm. Ebenso umfangreich und wichtig war die unerlässliche «Hintergrundarbeit», wie Kontakte zu Behörden, Medien und anderen Kleintheatern, Planung und Durchführung baulicher Massnahmen, Mittelbeschaffung.
 

Die Schweizer Kleintheaterszene

Das fabriggli ist Teil des dichten Netzes an Kleintheatern,  das die ganze Schweiz überzieht. Alle diese Organisationen haben das Ziel, das kulturelle Leben in ihren Regionen zu fördern und zu bereichern. Denn Kultur ist ein wesentlicher Bestandteil des menschlichen Lebens, bildlich gesprochen ein Grundnahrungsmittel – sie ist lebensnotwendig und trägt entscheidend zur Lebensqualität bei. Die Schweizer Kleintheater haben eine wichtige und verantwortungsvolle Vermittlerfunktion zwischen Kunstschaffenden und Bevölkerung. Für viele Künstlerinnen und Künstler bilden sie das «Sprungbrett» in grosse Häuser; denn selten fällt ein Meister vom Himmel. Beispiele aus dem fabriggli-Programm sind Gardi Hutter, Noemi Nadelmann oder das Duo Fischbach.

Manche Kleintheater pflegen einen regen Gedanken- und Erfahrungsaustausch. So engagierten sich die fabriggli-Verantwortlichen an regelmässig stattfindenden Treffen auf regionaler (Ostschweiz) und auf gesamtschweizerischer Ebene. Diese Treffen gaben wertvolle Impulse für die tägliche Arbeit. Hinzu kamen seit 1997 kantonale Kulturkonferenzen. Und seit 1998 ist das fabriggli zusammen mit derzeit 14 weiteren Schweizer Kleintheatern an einem vom Kulturprozent des Migros-Genossenschafts-Bundes lancierten Kleintheaterprojekt beteiligt. Ziel dieses Projektes ist, «dem Publikum in der so genannten Provinz qualitativ Hochstehendes aus der Kleinkunstszene zu bieten, die regionalen Kleintheater zu unterstützen und KünstlerInnen Auftrittsmöglichkeiten zu verschaffen».
 

Das breite Angebot

Die Programmverantwortlichen stellten Saison für Saison ein abwechslungsreiches Programm für Jung und Alt auf die Beine, mit Trouvaillen aus sämtlichen Sparten der Kleinkunst: von Theater bis Pantomime, von Klassik bis Ska, von Folk bis Jazz, um nur einige Stichworte zu nennen. Ausstellungen unterschiedlichster Art, wie Bilder, Skulpturen, Fotos, Taschen, Druckgrafik, Schmuck, gaben Einblick in das Schaffen von Künstlerinnen und Künstlern aus nah und fern. Kurse eröffneten Interessierten aktive Betätigungsmöglichkeiten, sei es u.a. auf dem Felde des Theaters, der Pantomime, des Clowns, des Sprechens, des Töpferns, des Tangos oder des Jonglierens.

Mit der Idee und Umsetzung des fabriggli-summer vollzog Bild das Kleintheater 1997 endgültig den Schritt vom Saison- zum Ganzjahresbetrieb. Der fabriggli-summer bietet jeweils während der Sommerferien zweimal wöchentlich kulinarische und kulturelle Freuden, mit Schwergewicht bei regionalen Künstlerinnen und Künstlern. Einen ausgezeichneten Ruf erarbeitete sich über die Jahre die «fabriggli-Küche». Sei es beim alljährlichen fabriggli-fescht, bei musikalischen oder theatralischen Brunchs, bei Theatergastspielen in Beizenatmosphäre oder bei spezifischen Kochanlässen, immer wieder verwöhnte diese die Besucherinnen und Besucher.

Veränderungen und Verlagerungen im Programmangebot gingen einher mit sich ändernden Bedürfnissen in der Region, mit personellen Änderungen im Team, mit neuen Ideen, die innerhalb des Teams ausgebrütet wurden, oder mit Anregungen und Wünschen, die von aussen eingebracht wurden. So flimmerten während der Zeit, in der das Werdenberg ohne Kino dastand, Filme über die fabriggli-Leinwand, oder die betreuten Schüler-Discos wurden abgelöst von regelmässigen Discos im Berufsschulzentrum Buchs.

Soweit zusätzlich zum eigenen Betrieb mit den umfangreichen Belegungen möglich, organisierten die fabriggli-Verantwortlichen auch Anlässe zusammen mit Dritten, wie der Kulturkommission Buchs, dem evangelischen Frauenverein Buchs, oder stellten das Theater Dritten für kulturelle Anlässe zur Verfügung, so der Musikschule Werdenberg, Chören aus der Region, Schulklassen, der Märchenerzählerin Caroline Capiaghi, der Kindertheaterwerkstatt Barbara Saluz. Alles in allem fanden in den 20 Jahren seit der Eröffnung rund 1900 Anlässe mit 156 000 Besucherinnen und Besuchern statt.
 

Die fabriggli-Eigenproduktionen

Neben seinem Gastspielbetrieb brachte das fabriggli alljährlich, ausser 1990, eine Theater-Eigenproduktion mit Laien aus der Region auf die Bühne. Im Jubiläumsjahr 2000 waren es sogar deren drei: «Die Mausefalle», Kriminalstück von Agathe Christie, mit der Jugendtheatergruppe, «Neues vom Räuber Hotzenplotz», Kasperlitheater von Otfried Preussler / Jörg Schneider, mit der (reaktivierten) Puppenspielgruppe und «Das Deckelbad», eine wahre Begebenheit aus dem Werdenberg, frei bearbeitet von Kuno Bont, mit der Theatergruppe.

Ein Novum war 1992 die Zusammenarbeit mit einem anderen Kleintheater, sogar über die Grenze hinaus: mit dem Feldkircher Theater am Saumarkt. Nachdem dieses jeweils seine Eigenproduktionen auch im fabriggli gespielt hatte, wurden 1992 gemeinsam zwei Stücke von Curt Goetz inszeniert und in Feldkirch und in Buchs aufgeführt. 1997 startete Peter Sutter das Projekt «Jugendtheatergruppe». Diese spielte 1998 Dürrenmatts «Die Physiker». Eigenproduktionen schweissen immer wieder die unterschiedlichsten Personen zu einer verschworenen Gruppe mit einem gemeinsamen Ziel zusammen und locken ein grosses Publikum ins fabriggli.
 
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Der Verein und das Team

Die Organisationsstruktur des fabriggli, wie sie sich im ersten Jahrzehnt herausgebildet hatte, bewährte sich in den Grundzügen. Träger des Kleintheaters ist ein Verein, der Ende 1999 knapp 500 Mitglieder zählte. An der ordentlichen Hauptversammlung 1998 wurden die überarbeiteten Gründungsstatuten verabschiedet. Die wichtigste materielle Änderung betraf die Anpassung des Vereinszwecks an die seit der Gründungszeit geänderten Verhältnisse. Waren in der Anfangsphase Gastspiele lediglich als Ergänzung der eigenen Aktivitäten gedacht, verlagerte sich mit der Zeit das Schwergewicht zu den Gastspielen. Die neue Zweckbestimmung stellt beide Aktivitäten gleichwertig nebeneinander.

25 bis 30 Frauen und Männer umfasst das fabriggli-Team, aufgeteilt im wesentlichen auf die Bereiche Programm, Technik/ Umbau, Beizli, Hausdienst, Sekretariat, Theaterleitung und Präsidium. Personelle Veränderungen sind unvermeidlich. Immer wieder gelang es aber, neue Leute zu finden, die bereit waren, Freizeit ins Theater zu investieren. Dabei ist «Nachwuchsförderung» unerlässlich. Auch im zweiten fabriggli-Jahrzehnt war es den Verantwortlichen ein Anliegen, Jugendliche nicht nur als Konsumenten im Theater zu haben, sondern auch als aktiv Mitwirkende. So organisieren beispielsweise seit 1995 Jugendliche Konzerte (nicht nur) für Jugendliche.

Ein markanter Einschnitt war 1992 der Rücktritt von Theaterleiter Peter Sutter. Mit ihm verliess der letzte Vertreter aus der Gründungsphase das Team. Peter Sutter war einer der Initianten und Gründerväter des Kleintheaters und massgeblich beteiligt an dessen Entwicklung und Erfolg. Die Regelung der Nachfolge gestaltete sich nicht einfach. So wurden Peter Sutters Aufgaben aufgeteilt auf vier Team-Mitglieder: auf Irene Schmuki, damals Präsidentin, auf Hedy Sutter, damals Verantwortliche für das Kinderprogramm, auf die jeweilige Sekretärin und auf Peter Eggenberger, der bereits seit 1990 in der Theaterleitung mitwirkte. Seit 1998 teilen sich Hedy Sutter und Peter Eggenberger in die Theaterleitung.
 
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Die bauliche Entwicklung …

Auch baulich blieb das fabriggli in seinem zweiten Jahrzehnt nicht stehen. Verschiedene Verbesserungen zu Gunsten der fabriggli-Gäste (Künstlerinnen und Künstler, Publikum) sowie Unterhaltsmassnahmen am Gebäude wurden durchgeführt. Ermöglicht wurden diese Umbauten einerseits dank unzähliger Frondienststunden des fabriggli-Teams und andererseits dank finanzieller Unterstützung seitens der öffentlichen Hand, allen voran der Schulgemeinde Buchs, die, als Gebäudeeigentümerin, sämtliche Unterhaltsarbeiten finanzierte und weitere Beiträge leistete, dann der politischen Gemeinden des Bezirks, der Ortsgemeinde Buchs sowie des kantonalen Lotteriefonds.

1992/93 wurden verschiedene Arbeiten durchgeführt: Sämtliche Fenster wurden zwecks besserer Wärmedämmung und Schallschutz ersetzt. In der Werkstatt wurde eine Künstlergarderobe eingebaut. Endlich hatte das fabriggli damit eine ansprechende Künstlergarderobe. Bis anhin war sie Teil der Werkstatt und liess sich lediglich durch einen Vorhang von letzterer abtrennen. Nach wie vor fehlen aber Dusche und WC. Einen neuen Anstrich erhielten Entrée und Saal. Das Beizli wurde umgestaltet.

1994 liess die Schulgemeinde Buchs das Dach samt Abläufen sanieren und den Saalboden teilweise ausbessern. 1995 folgte die Sanierung des gefährlichen Kellerzugangs. Im selben Jahr wurden sämtliche elektrischen Installationen im Saal saniert und den neusten Erfordernissen angepasst, in rund 420 Frondienststunden insbesondere seitens des fabriggli-Technikers Thomas Gusset. Ebenfalls 1995 konnte, nach längerer Vorgeschichte, der fabriggli-Wegweiser an der St. Gallerstrasse realisiert werden. 1997 führte die Schulgemeinde Buchs die Aussenrenovation des Gebäudes durch. Der lange gehegte Wunsch eines direkten fabriggli-Zugangs ab Parkplatz Grof ging 1998 in Erfüllung.
 

… und das grösste Bauvorhaben

Für das umfangreichste Bauvorhaben seit der fabriggli-Eröffnung wurden ab 1997 erste Ideen gewälzt und diskutiert. Konkrete Schritte wurden 1999 in die Wege geleitet. Betriebliche und räumliche Probleme und Engpässe, die sich im Laufe der vergangenen 20 Jahre immer deutlicher zeigten, sollen durch einen Anbau nach Westen gelöst werden. Dieser umfasst Lagerraum, Mehrzweckraum, Büro und sanitäre Anlagen.

Der Lagerraum ersetzt den freistehenden Lagerschopf westlich des fabriggli. Ein direkter Zugang vom bestehenden Gebäude zum Lager wird die internen Arbeitsabläufe wesentlich vereinfachen und die Lärmbelastungen für die Nachbarschaft vermindern. Der Mehrzweckraum wird mehr Spielraum für den Theaterbetrieb bringen. Er kann einerseits bei grösseren Anlässen als Entrée, Publikumsgarderobe und Pausenraum genutzt werden, andererseits für Theaterproben, Kurse, Belegungen durch Schulklassen etc.

Ein Büroraum ist für einen Betrieb in der Grössenordnung des fabriggli unerlässlich; der im Nachbarhaus seit gut 10 Jahren von der Schulgemeinde Buchs gemietete Raum musste Mitte 99 wegen Eigenbedarfs geräumt werden. Die sanitären Anlagen sehen ergänzende WCs für das Publikum – die bestehende WC-Anlage, je ein Damen- und Herren-WC, ist oft nicht ausreichend – sowie WC und Dusche für Künstlerinnen und Künstler vor. Als weitere Massnahmen werden der Einbau einer Saallüftung und die Entfernung der Säulen im Saal diskutiert. Sofern die finanziellen Mittel zusammenkommen, ist die Realisierung im Jahre 2001 geplant.
 

Das liebe Geld

Die allseits anerkannte grosse Bedeutung des fabriggli für die Region und darüber hinaus konnte auf der finanziellen Seite, was die Beiträge der öffentlichen Hand anbelangt, noch nicht entsprechend umgesetzt werden. Immerhin leisten nun seit 1991 alle politischen Gemeinden des Bezirks Werdenberg einen, wenn auch z.T. bescheidenen, jährlichen Beitrag. Zudem wurden einzelne öffentliche Beiträge in den vergangen Jahren (leicht) erhöht. Aber ohne die riesige unentgeltlich geleistete Arbeit des fabriggli-Teams, ohne das häufige Entgegenkommen aus Künstlerkreisen bezüglich Gagenforderungen – u.a. dank des guten Rufs, den das fabriggli in der Kleinkunstszene hat – sowie ohne die zahlreichen Vereinsmitglieder könnte der Betrieb nicht aufrechterhalten werden.

Ein Blick auf das Budget 1999 zeigt folgendes Bild: Einem Aufwand von 236 700 Franken stand ein Ertrag von 96 500 Franken gegenüber. Zur Deckung des Defizits von 140 200 Franken trugen das fabriggli-Team mit 73 950 Franken (als Honorarverzicht) und die öffentliche Hand mit 57 950 Franken bei. Die «öffentliche Hand» bildeten: Politische Gemeinde Buchs (28 000), Schulgemeinde Buchs (9000), Ortsgemeinde Buchs (3000), Politische Gemeinde und Schulgemeinde Grabs (3000), Politische Gemeinde Sevelen (2000), Schulgemeinde Sevelen (500), Politische Gemeinde Wartau (300), Politische Gemeinde Sennwald (400), Sekundarschulgemeinde Sennwald (500), Primarschulgemeinde Salez (150), Politische Gemeinde Gams (1100), Kanton St. Gallen (10 000).

Die Haupteinnahmequellen waren, gemäss Budget 1999, die Veranstaltungen mit
67 000 Franken (inkl. Beiträge der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und der Pro Juventute Werdenberg) und die Mitglieder- und Gönnerbeiträge mit 19 500 Franken.
 

«20 Jahre – so ein Theater» …

Unter diesem Motto stand das fabriggli-Jubiläumsjahr mit speziellen Jubiläumsanlässen und -aktionen. So eröffnete ein gediegener Silvester das Jubeljahr. Eine Nostalgie-Nacht blendete mit einem bunten Programm auf die Anfangszeit des fabriggli zurück. An einem verkehrsfreien Mittwochnachmittag und -abend präsentierte sich das fabriggli auf der Buchser Bahnhofstrasse. Auch der Götti des fabriggli – Emil – liess es sich nicht nehmen, nach 20 Jahren wieder auf der fabriggli-Bühne aufzutauchen. Er las aus seinem Buch «Wahre Lügengeschichten» und erzählte aus seinem Bauch. Soweit einige Beispiele aus dem «Spezialprogramm».
 

… und das dritte Jahrzehnt

Das werdenberger kleintheater fabriggli als Kultur- und Begegnungszentrum steht auf solidem Fundament. Ein engagiertes Team, gesicherte Räumlichkeiten, eine gute Infrastruktur, eine breite Unterstützung in der Bevölkerung sowie wohlwollende Behörden sichern eine zukunftsorientierte Arbeitsweise. Ein Ausruhen auf Lorbeeren gibt es aber nicht. Das Erreichte muss immer wieder kritisch hinterfragt werden. Neuen Ideen muss Platz gegeben werden. Engagement und Kreativität werden dauernd gefragt sein.

An den Zielsetzungen wird sich in Zukunft kaum Grundsätzliches ändern. Das fabriggli wird weiterhin mit einem breitgefächerten Angebot für Klein und Gross unterhalten und mitreissen, verführen und teilhaben lassen, erregen und aufregen, Diskussionen auslösen, überraschen und aufrütteln. Die Kulturtäterinnen und -täter des fabriggli werden ihre Verantwortung als Scharnier zwischen Kunstschaffenden und Bevölkerung lustvoll wahrnehmen und damit zur Lebensqualität im Werdenberg und darüber hinaus beitragen.