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Laudatio


Anlässlich der Verleihung eines Anerkennungspreises der St. Gallischen Kulturstiftung

an das «werdenberger kleintheater fabriggli» am 22. Juni 2001

Die Fragen sind die. Warum machen so viele Leute so ein Theater um das Theater? Und: Warum gehen so viele Leute immer noch ins Theater? Haben die alle nichts Anderes, Besseres, zu tun?

In einer Woche würden wir hier mitten in einer Baustelle sitzen. Im Chaos. Wie vor 21 Jahren, als die ehemalige Stickereifabrik eine Metamorphose in ein Kleintheater erlebte.  War das damals überhaupt nötig? Vorher, in der Fabrik, wurde wenigstens etwas zum Angreifen, zum Brauchen, produziert. Die Fabrik wurde stillgelegt, weil das Produkt nicht mehr zur veränderten Zeit passte.

Die ideellen, finanziellen und zeitlichen Investitionen der damaligen InitiantInnen – oder Weltverbesserer? – waren erheblich. Nur um einen Raum bereitzustellen, in dem dann Nichtgreifbares möglich sein sollte. Absurd.

Oder der Raum für Anhänger einer Religion?

Frederick, der Mäusejunge aus dem Bilderbuch von Leo Lionni, sammelt im Herbst, während die übrige Mäusefamilie eifrig Beeren, Körner und Stroh aufhäuft, nichts. Auf die gereizte Frage, warum er denn nichts tue, nicht helfe, meint er, er sammle Sonnenstrahlen, Farben und Worte, denn der Winter werde kalt und grau sein. Wie die Vorräte dann aufgebraucht sind, die Kälte immer beissender und die Mäuse immer schweigsamer werden, erinnern sie sich an Frederick und reklamieren seine Vorräte.

Er stellt sich in der Höhle auf einen Stein, wie auf eine Bühne, und spricht. So, dass ihnen warm wird, sie die Farben des Sommers vor ihrem inneren Auge sehen und hörend eine Reise durch das Werden und Vergehen der Jahreszeiten machen. Er sei ja ein Dichter, rufen sie klatschend. Er wisse es, meint Frederick errötend.

Es zeigt sich, dass die Menschen seit dem Umbau bis heute alle Hände voll zu tun haben, dass auch Menschen von ausserhalb das, inzwischen «fabriggli» genannte Gebäude, von Zeit zu Zeit heimsuchen – eine Art regelmässiger Betriebsbesichtigungen oder Abende der offenen Tür scheinen doch möglich -, aber weder dort Arbeitende noch BesucherInnen sieht man je mit einem Produkt in den Händen den Ort verlassen. Dafür mit glänzenden Augen. Suspekt.

Doch eine Sekte? Nein und Ja.

Ja, weil die Unermüdlichen, ohne Lohn, dafür mit Verzicht, an scheinbar Unbegreiflichem unverzagt und unablässig arbeiten; weil sie glauben.

Nein, weil sie wie Frederick um den grossen Hunger wissen, den, der immer brummt – wie ein unterernährter Bär, obwohl im Honigwald daheim.

Diesen Hunger in sich stillen sie. Ihn als persönliche Notwendigkeit respektierend. Respekt gegenüber der Schöpfung an sich. Re-ligio: Mensch-Sein wollen, dürfen, müssen. So Mensch werden.

Der Theaterraum, die Bühne im Speziellen, als Rahmen. Als Rahmen, der die Zeit ausgrenzt und die unendliche Fläche, den Raum der Möglichkeiten, begrenzt und zum Hinsehen zwingt. Der sagt: Schau hierher, da ist das Wichtige, das anzusehen sich lohnt. Das Wichtige: Das Sinnbild; das, was bleibt; das, was ausserhalb des Vergänglichen steht. Die Bühne als Fenster nach einem anderen Raum, ein Fenster nach dem Geist.

Max Frischs Worte fallen wie Sonnenstrahlen durchs (reale) Fenster und auf das Treiben im Innern der «fabriggli-Fabrik». Die Schatten, die, durch die Menschen darin, auf Boden und Wände geworfen werden, sind wie Spuren. Spuren, die auch nach Sonnenuntergang bleiben, weil sie dazu bestimmt sind.

Dazu bestimmt, über den Einzelnen hinauszuzeigen.

Im Rahmen des Theaters.

Im Rahmen der Bühne: der Schatten einer Maus. Für einen ewigen Augenblick.

Veronika Dreier Ebnöther