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Vom Experiment zur kulturellen Institution

10 Jahre Werdenberger Kleintheater fabriggli

Heini Schwendener, Buchs
Publiziert im Werdenberger Jahrbuch 1991

Im kulturellen Leben des Bezirks Werdenberg stellte der 9. Februar 1990 ein besonderes Datum dar: An diesem Freitag feierte das Werdenberger Kleintheater fabriggli seinen 10. Geburtstag. Aus dem kleinen Theater, das von einigen Idealisten mit viel Engagement und Experimentierfreudigkeit gegründet worden ist, ist im Lauf des ersten Jahrzehnts seines Bestehens eine der bedeutendsten kulturellen Institutionen der Gemeinde Buchs und des Bezirks geworden, mit einem Programm, das breitgefächerter wohl kaum sein könnte. Eine alte Stempeluhr an einer Wand im Beizli erinnert noch an die frühere Bestimmung des Gebäudes, das etwas abseits der Buchser Schulhausstrasse steht. Auch die grossen Fenster im Hauptraum lassen auf eine ehemals andere Zweckbestimmung dieses eingeschossigen Trakts schliessen. Ansonsten hat das fabriggli nicht mehr viel gemeinsam mit einer Fabrik.

Die Idee der Gründung eines Kleintheaters ging von den beiden Buchser Sekundarlehrern Peter Sutter und Peter Villiger aus. Ihnen fehlten räumliche Voraussetzungen für das Schultheater wie auch Entfaltungsmöglichkeiten in Richtung moderner Kultur. Als sie auf das leerstehende Fabrikgebäude an der Schulhausstrasse in Buchs aufmerksam wurden, wandten sie sich an dessen Besitzerin, die Schulgemeinde Buchs. Diese liess sich für die Idee eines kleinen Theaters begeistern und stellte die Liegenschaft zur Verfügung. Auch die Politische Gemeinde und andere Institutionen sicherten Beiträge an die Kosten für einen zweijährigen Versuchsbetrieb zu.
 
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Einzug in die Fabrikhalle

Am 9. November 1979 wurde an der Gründungsversammlung der Verein «fabriggli, werdenberger kleintheater» ins Leben gerufen und die Statuten traten in Kraft. Darauf konnte die ehemalige Fabrik bezogen werden. Wo in den zwanziger Jahren noch Stickmaschinen gerauscht hatten, wo nach der Stickereikrise Lederwaren produziert worden waren, wo eine Lackiererei vorübergehend einquartiert gewesen war und zuletzt die Maschinen einer Buchdruckerei geklappert hatten, da hielt nun mit grossem Elan und voller Tatendrang eine bunte Kulturgruppe in verschiedenen Handwerker-Funktionen Einzug. In zahllosen Fronarbeitsstunden – viele SchülerInnen und LehrerInnen opferten ihre Ferien – wurden die Umbauarbeiten erledigt. Ein flexibles Raumgestaltungskonzept sollte es ermöglichen, neben Theater- und Konzertaufführungen auch Ausstellungen, Diskussionen, Tanzanlässe, gesellschaftliche Treffs und vieles mehr im fabriggli durchzuführen. Am 9. Februar 1980 begann das Experiment fabriggli mit dem Eröffnungsakt, dem der bekannte Luzerner Kabarettist Emil als Theater-Götti beiwohnte.

Die ersten öffentlichen Aufführungen waren ein Schülertheater («Andorra» von Max Frisch) und ein Rock-Konzert. Der Buchser Sekundarlehrer Peter Sutter, einer der Ideenträger von damals und heutiger Theaterleiter, erinnert sich zurück: «In der Startphase wollten wir ein Kleintheater als sogenanntes Laientheater mit Schülern und Jugendlichen realisieren. In der zweiten Phase sollte aus dem fabriggli ein eigentliches Kulturzentrum werden.» Das Unternehmen lief ausserordentlich gut an. Der Ausbau zum Kulturzentrum vollzog sich wohl rascher als erwartet. Auf die 46 verschiedenen Anlässe (mit Wiederholungen 79) im ersten Jahr des Bestehens folgten bereits 75 (mit Wiederholungen 90) im zweiten. Eine Grundidee, die während des zehnjährigen Bestehens des fabriggli ungebrochen beibehalten wurde, ist bereits in den Statuten des Vereins «fabriggli, werdenberger kleintheater» umschrieben: «Der Verein bezweckt, das Kulturleben in der Region Werdenberg vor allem auf dem Gebiet des Theaters, des Kunsthandwerkes, des Films, der Musik und der Literatur zu fördern. Im Vordergrund steht dabei das Bestreben, der Bevölkerung jeglichen Alters Gelegenheit und Impulse zu  eigener kultureller und kreativer Betätigung zu geben…» Nach zehn Jahren darf man ohne Übertreibung sagen, dass dem fabriggli die Verwirklichung eines grossen Teils der damaligen breitgefächerten Ideen und Vorstellungen gelungen ist.
 

Erfolgreiche Aufbauphase

Die zwei Jahre des Experimentierens stellten zugleich eine wichtige Aufbauphase dar. Die Begeisterung aller fabriggli- Mitarbeiter war überaus gross, alle sprühten vor Energie und Enthusiasmus. Die BesucherInnen-Zahlen von 8533 (1980) und 8890 (1981) – Werte übrigens, die in der Folge nur noch 1985 und 1989 annähernd erreicht werden konnten – bestätigten das erfolgreiche Konzept. Theaterleiter Peter Sutter beurteilt heute die damalige Situation: «Die Leute kamen einfach ins fabriggli, es spielte ihnen keine Rolle, was auf dem Programm stand.»

Alle Beteiligten waren sich nach diesem zweijährigen Versuch einig: das fabriggli musste weiterbestehen! Die Liegenschaft wurde von der Schulgemeinde weiterhin für einen symbolischen Mietzins zur Verfügung gestellt. Andere Geldgeber sicherten ihre grosszügigen «Subventionen» zu. Die Attribute «jung, links und alternativ» klebten zwar noch immer beharrlich am Etikett des Werdenberger Kleintheaters, doch wegen des ausgewiesenen Publikumserfolges und der offenen Programmstruktur wurden diese Schlagworte der Realität zu keiner Zeit gerecht.

Nach der erfolgreichen Aufbauzeit kam es zu einem entscheidenden Einschnitt in der Geschichte des Kleintheaters: programmliche Orientierungen wurden vermehrt diskutiert, Laien-Produktionen gingen im Veranstaltungsangebot zurück und professionellere Gastspiele hielten zunehmend Einzug. Etliche Leute aus dem Gründerteam hatten sich allmählich zurückgezogen; in persönlichem Grosseinsatz hatten sie mit Arbeitszeit und Ideen viel zum Erfolg beigetragen, doch hatte sich bei den einen der Enthusiasmus der Anfangsjahre mehr und mehr verflüchtigt, während die anderen mit der weiteren Entwicklung nicht mehr zufrieden waren.
 

«Eine schwierige Phase»

Das fabriggli-Team formierte sich in der Folge neu, mit den neuen Leuten kamen auch neue Ideen. «Die Zeit nach 1982/83 bis etwa 1985 war zum Teil eine schwierige Phase», erinnert sich Peter Sutter. In dieser Zeit des Umbruchs nahm zudem auch das Publikumsinteresse gegenüber früher ab, der obligate fabriggli-Besuch am Wochenende war so obligat nicht mehr.

1985 gab es auch keine Eigenproduktion mehr. Glücklicherweise verfügte das fabriggli aber bereits damals über Strukturen, welche die Existenz sicherstellten, denn sowohl konzeptionell als auch finanziell erwiesen sich die Grundideen des Werdenberger Kleintheaters als lebensfähig. Entscheidend in dieser schwierigen Zeit war sicherlich, dass neben der Öffentlichkeit auch die zahlreichen Geldgeber an das fabriggli glaubten. Diese breite Akzeptanz war damals von Nutzen.

Die Schulgemeinde Buchs war stolz auf ihre LehrerInnen, die sich sehr stark für das fabriggli einsetzten und so den SchülerInnen auch ausserhalb der Schulzeit Impulse vermittelten. Sie entlastete in der Folge Peter Sutter weiter von seinem Lehrpensum an der Sekundarschule, damit er sich vermehrt den Belangen des Theaters zuwenden konnte. Das Team festigte sich zudem nach Jahren der Umbesetzungen neu.
 

Verändertes Umfeld

Sutter wurde halbprofessioneller Theaterleiter, seine Stelle wie auch jene des technischen Leiters konnte nun entlöhnt werden. Die Ressortaufteilung im fabriggli-Team wurde genauer vollzogen, ein Sekretariat wurde eingerichtet und die Administration allgemein in geordnetere Bahnen geleitet. «Neuformierung», so bezeichnet Peter Sutter die Zeit nach etwa 1985.

Die einzelnen Ressortverantwortlichen arbeiten seit damals recht autonom und geben der jeweiligen Programmausrichtung ihre persönliche Handschrift. Eine übergeordnete Maxime – sie stammt aus der Gründungszeit – beherzigen aber alle Leiter: Das Programm soll alle Bevölkerungsschichten und Altersgruppen ansprechen. Ausserdem wird dem Prinzip der Offenheit gegenüber unkonventionellen und neuen künstlerischen Ausdrucksformen besondere Beachtung geschenkt. Weiterhin fehlte aber die Eigeninitiative potentieller Theaterleute, daher wurden zahlreiche Gastspiele ins Programm aufgenommen. Diese Entwicklung lässt Sutter und Peter Eggenberger, Leiter des Ressorts Theater/Gastspiele, bis heute nicht unberührt. Eggenberger dazu: «Unser Wunsch wäre es, dass sich aktive Leute im fabriggli treffen und ihre Ideen und Projekte diskutieren würden. Es spielt dabei keine Rolle, wenn schliesslich nicht aus jeder Idee eine Ausstellung oder eine Vorführung resultiert.» Peter Sutter hakt bei diesen Gedanken ein und meint mit Blick auf den vollen Gastspielkalender innerhalb der Theatersaison: «Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu elitär werden und weiterhin für alle offen bleiben.»

Sutter wie Eggenberger wären bereit, Gastspiele zu streichen, wenn vermehrt wieder Eigeninitiative aus der Region nach Entfaltungsmöglichkeiten suchen sollte. Auch gegenüber laienhafteren kulturellen Artikulationen sei man keineswegs verschlossen. Es sei schliesslich ein Ziel, nicht nur Kultur anzubieten – was letztlich häufig auch zu einer Konsumhaltung des Publikums führe -, sondern vor allem auch das kreative Schaffen der Menschen in unserer Region zu fördern.
 
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Theaterstatistik …

Rund 77 000 Besucher konnte das fabriggli bis zu seinem zehnten Geburtstag am 9. Februar 1990 verzeichnen. Diese verteilten sich auf 717 verschiedene Veranstaltungen, mit den Wiederholungen waren es gar rund 900. Eine Analyse der Besucherstatistik ergibt, dass vor allem Kinder- und Jugendanlässe sehr viele BesucherInnen anlockten, nämlich rund 28 Prozent. Eigentliche Publikumsmagnete waren aber auch immer die Eigenproduktionen: total 15 Veranstaltungen verbuchten 12,8 Prozent der Besucherzahlen.

Die Eigenproduktionen, aber auch spezielle Anlässe für relativ eng abgegrenzte Bevölkerungsgruppen (zum Beispiel Senioren oder Behinderte), haben bewirkt, dass das fabriggli im Laufe der Jahre einem immer breiteren Publikum zugänglich gemacht worden ist. Die Schwellenangst, die selbst heute noch einige Leute vor ihrem ersten Gang ins doch sehr intime und überschaubare Theater haben, ist stark abgebaut worden.
 

… und die Finanzen

«Hausiren & Betteln ist hier verboten.» Diese Aufschrift trägt ein altes, an einigen Stellen nur noch schwer lesbares Schild an der Eingangstüre des fabriggli. Die Aufschrift ist einem Artikel des «St. Gallischen Gesetzes über den Marktverkehr & und das Hausiren» entnommen. Dass beim fabriggli mit Betteln nicht viel zu holen ist, haben wohl schon einige KünstlerInnen gespürt. Die Theaterleitung gibt sich zwar im Rahmen ihres finanziellen Spielraums Mühe, die DarstellerInnen angemessen zu bezahlen, doch grosszügige Entschädigungen sind selbst nach zehn Jahren erfolgreichem Betrieb noch nicht möglich. Da das fabriggli heute zu den bekannten und angesehenen Adressen der schweizerischen Kleintheater- Szene gehört, seien andererseits aber auch schon etliche KünstlerInnen bereit gewesen, ihre Gagen den finanziellen Möglichkeiten des fabriggli anzupassen, erzählt Peter Sutter. Muss das fabriggli seinerseits «hausiren & betteln», um das Geld für seinen Betrieb aufzubringen? Werfen wir einen Blick in das Budget für das Jahr 1989: Einem Aufwand von 112 300 Franken stand ein Ertrag von 68 000 Franken gegenüber, es resultierte also ein Defizit von 44 300 Franken.

Folgende Beiträge der öffentlichen Hand trugen zur Deckung dieses Fehlbetrages bei: Politische Gemeinde Buchs (20 000 Franken); Schulgemeinde Buchs (7000); Ortsgemeinde Buchs (3000); Politische Gemeinden Grabs (1500), Sevelen (1000) und Wartau (200); Pro Juventute Werdenberg (5000); Kanton St. Gallen (5000). Die Schulgemeinde unterstützt das fabriggli mit der Übernahme der Kosten für bauliche Sanierungen, überdies hat der Trägerverein nur eine symbolische Miete für das alte Fabrikgebäude, und seit kurzem auch für das Büro an der Schulhausstrasse, zu entrichten. Auf der Einnahmenseite fielen die Veranstaltungen mit 42 000 Franken am stärksten ins Gewicht, Mitglieder- und Gönnerbeiträge brachten insgesamt 18 000 Franken ein. Die Politische Gemeinde Buchs hat in den letzten zehn Jahren die Beiträge an das fabriggli von 10 000 Franken pro Jahr auf nunmehr 25 000 Franken für 1990 erhöht. Die nördlichen Gemeinden des Bezirks beurteilen die Bedeutung des Kleintheaters offenbar nicht als derart gross, dass sie ihm mit öffentlichen Geldern Tribut zollen müssten.
 

Allerseits nur Anerkennung

Der Buchser Gemeindammann Ernst Hanselmann sieht im fabriggli eine wertvolle Ergänzung für das Freizeitangebot und die kulturellen Aktivitäten ausserhalb traditioneller (Kultur-) Vereine: «Zudem trägt es viel zur Meinungsbildung und zur Gemütspflege bei». Den 1990 erhöhten Beitrag bringt der Gemeindammann mit der Konstanz und der Qualität der geleisteten Arbeit sowie der hohen Wertschätzung gegenüber dieser Institution in Verbindung.

Der Buchser Schulratspräsident Bruno Etter geht auch auf die Vorurteile gegenüber dem fabriggli ein, das häufig als links und alternativ abgestempelt worden ist: «Diesbezüglich haben sich wohl viele vom Saulus zum Paulus gewandelt.» Etter hat sich verschiedentlich von der hohen Qualität der Arbeit, die im fabriggli geleistet und geboten wird, überzeugt. «Das fabriggli ist richtig und wichtig», sagt er, und solche Urteile seien ihm vielfach auch von Elternseite bestätigt worden. Etter streicht besonders die grosse Kinder- und Jugendarbeit hervor, die im fabriggli verrichtet wird: «Die Schule ist in den letzten Jahren sehr kopflastig geworden, sie bietet wenig Raum und kaum Zeit für Kreativität.» Da stopfe das fabriggli Lücken.

Das Kleintheater an der Buchser Schulhausstrasse hat in den letzten Jahren viele neue Funktionen übernommen. Bisweilen entsteht der Eindruck, dass es auch zur Lösung ungeklärter Probleme in der Gemeinde und der näheren Umgebung Hand bietet, die nicht nur allein im kulturellen Bereich anzusiedeln sind. So fehlen zum Beispiel Treffpunkte für das nicht organisierte Zusammensein ohne Konsumationszwang. Es gibt kein Kino mehr, und für Jugendliche fehlen regelmässige Discos. Auch solche Lücken hat das fabriggli zu füllen begonnen. Die Verantwortlichen sehen darin kaum Probleme, trotzdem wäre es ihrer Meinung nach begrüssenswert, wenn andere Kultur-und Freizeiteinrichtungen ihre Institution etwas entlasten könnten. Dass das fabriggli heute eine derart grosse Bedeutung hat, ist weitgehend das Verdienst jener Leute, die uneigennützig und mit grossem Engagement an der Realisierung der Idee eines Werdenberger Kulturzentrums gearbeitet haben oder es noch immer tun. Dass dabei besonders Peter Sutter eine zentrale Rolle gespielt hat, ist eine Einschätzung, die von unzähligen begeisterten fabriggli-BesucherInnen geteilt wird. Wie sehen die nächsten zehn Jahre der fabriggli-Zukunft aus? Der Theaterleiter weiss darauf keine Antwort. Sicher werde aber das Programm und das Konzept des Kleintheaters wie bis anhin weitgehend von der personellen Zusammensetzung des fabriggli-Teams abhängen. In finanzieller Hinsicht werden wohl kaum Probleme anstehen. ‚Hausherr‘ Bruno Etter versichert: «Das fabriggli kann auch in Zukunft auf unser Wohlwollen zählen.»